Bürgermeister Michael Esken

Mein Rückblick

Die Corona-Pandemie beschäftigt die Welt. Auch bei uns in Verl bestimmt Covid-19 seit Mitte März das öffentliche Leben und damit in vielen Bereichen natürlich auch unseren beruflichen sowie privaten Alltag. Mit meinem Rückblick auf das Tagesgeschehen möchte ich Sie, liebe Verlerinnen und Verler, während dieser Zeit über die wichtigsten Neuigkeiten vor Ort rund um das Thema Corona auf dem Laufenden halten und Ihnen gleichzeitig Einblicke geben, was sich in der Verwaltung inmitten sowie am Rande der Corona-Krise tut.

Freitag, 19. Juni 2020, ca. 23:15 Uhr


23:15 Uhr

„Bevor nicht alle Kitas geöffnet sind, wird Tönnies die Produktion nicht hochfahren können!“ Diese klare Feststellung aus dem Krisenstab des Kreises Gütersloh ist für mich die Ansage des Tages.Hoffentlich erfüllt sich diese Forderung!

 

Der Reihe nach:

 

Bereits um 6:15 Uhr meldet sich der Radiosender Deutschlandfunk-Nova und möchte ein Interview von mir. Es geht um die Sichtweise eines Bürgermeisters im Umgang mit der Quarantäne.

 

Der weitere Vormittag gehört der Koordination. Sehr viele Dinge im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch bestimmen plötzlich den gesamten Tagesablauf. Längere Listen mit positiv getesteten Personen aus dem Umfeld der Firma Tönnies werden der Verwaltung zugestellt. Es finden zunächst Datenabgleiche mit dem Melderegister statt. Es tritt leider genau das ein, was ich erwartet habe, die bekannten Unterkünfte der Werkvertragsarbeiterinnen und -Arbeiter sind nahezu alle betroffen. Das gilt für das gesamte Stadtgebiet.

 

Gemeinsam mit der Leiterin des Fachbereiches Soziales überlege ich auch, wie wir Möglichkeiten für den Fall der Fälle finden, dass die unter Quarantäne stehenden Personen Hilfe bedürfen, und wie wir diese leisten können. Die Durchsetzung und Überwachung der Quarantäne ist die eine Aufgabe, aber auch das Wohl der betroffenen Menschen im Auge zu behalten ist aus meiner Sicht eine weitere Aufgabe. Viele Dinge kommen also zusammen.

 

Der private Sicherheitsdienst, der von der Stadt Verl beauftragt wird, steht immer wieder im Mittelpunkt von Medienanfragen. Morgen in der Früh geht er dann im 24h-Betrieb an den Start. Etwas später, als ich es mir eigentlich gewünscht habe, aber es sind noch ein paar organisatorische Aufgaben und Absprachen zum Beispiel mit der Polizei zu erledigen. Verl geht mit dem privaten Sicherheitsdienst einen Sonderweg. Ich hoffe, dass sich dieser in den nächsten Wochen bewährt. Für die Bürgerinnen und Bürger möchte ich Sicherheit in Verl und eine konsequente Durchsetzung der Quarantäne. Dabei muss auch das Wohl der Betroffenen berücksichtigt werden. Das ist ein echter Spagat, den wir jetzt zu leisten haben. Ob es klappt, ich vermag es nicht in letzter Konsequenz zu beurteilen. Wir geben alle unser Bestes.

 

Sehr dynamisch ist die Lage. Die Reihenuntersuchungen gehen weiter und auch am Nachmittag werden wieder neue positive Testungen vom Kreis bekanntgegeben. Die Zahl unter der Tönniesbelegschaft steigt auf über 800. Eine weitere Größe, die unbedingt beachtet werden muss, ist der Eintrag von Infektionen in die Bereiche außerhalb der Firma Tönnies. Dort werden zehn neue Infektionen vermeldet. Das ist eine Zahl, die noch soeben zu akzeptieren ist. Aus diesem Grunde wird im Krisenstab am Nachmittag beschlossen, jetzt noch keinen Lockdown zu verfügen oder den Katastrophenfall auszurufen.

 

Der Krisenstab, an dem ich jetzt schon zum dritten Mal als Gast für eine stark betroffenen Kommune teilnehme, setzt sich zusammen aus vielen Fachleuten aus der Kreisverwaltung, aus der Feuerwehr, der Polizei, Vertretern der Bezirksregierung und der Landesregierung bis hin zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Bereichen von Schule und Kita. Erstmals nehmen auch Vertreter der Bundeswehr an der Sitzung teil. Wir tagen weit mehr als 2 Stunden und analysieren die Lage. Abschließend werden natürlich Entscheidungen getroffen. In den nächsten Tagen werden sämtliche Wohnungen der Werkvertragsarbeiterinnen und -Arbeiter der Firma Tönnies noch einmal mit einem Team besucht werden. Dabei soll herausgefiltert werden, wo auch jetzt in der Zeit der Quarantäne noch Missstände sind, die unbedingt abgestellt werden müssen. Dann ergeht der Beschluss, dass sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also nicht nur die Werkvertragsarbeiterinnen und -Arbeiter unter Quarantäne gestellt werden. Das gilt auch für den Firmenchef. Am frühen Abend soll die Firma Tönnies nochmals Besuch von einem Team aus dem Kreis erhalten. Dabei soll Tacheles gesprochen und gehandelt werden. Der Krisenstab macht deutlich, dass er das Heft des Handelns in der Hand hat und sich der sehr ernsten Lage bewusst ist.

 

Zur Krisenbewältigung stellen das Land sowie die Bundeswehr zusätzliches Personal zur Verfügung. Es soll mit aller Macht versucht werden, die weitere Ausdehnung des Virus in den Griff zu bekommen. Dabei sind, wie ich bereits geschrieben habe, die Einträge in die Bevölkerung außerhalb des „Kosmos Tönnies“ von großer Bedeutung. Wenn dort die Infektionsrate steigt, dann ist leider mit dem von Ministerpräsident Laschet nicht ausgeschlossenen Lockdown zu rechnen.

 

Ich finde, dass jetzt alle Kräfte im Kreis zusammenhalten müssen, ebenso wie ich die Bürgerinnen und Bürger hier in Verl bitte, mitzumachen, die Hygieneabstände einzuhalten und einfach achtsam zu sein. Wir stehen in den nächsten Tagen am Scheideweg zwischen Lockdown und Bewegung. Noch ist der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus nicht verloren. Das Problem ist, dass wir derzeit noch nicht genau wissen, wie weit tatsächlich schon die Verbreitung stattgefunden hat. Leider sprechen die immens hohen Zahlen an positiv getesteten Personen dafür, dass der Infektionseintrag schon etwas länger unterwegs ist und viel Schaden angerichtet haben könnte.

 

Heute Abend fahre ich nochmals persönlich um 22.30 zum Zollhausweg. Es ist ruhig. Im Laufe des Tages wird mir von Szenen berichtet, wonach einige Menschen ihre Koffer packen, um wahrscheinlich Verl zu verlassen. Das Problem ist, dass die Allgemeinverfügung für die Quarantäne nur für die Tönniesarbeiterinnen und -Arbeiter gilt. Osteuropäer, die in anderen Firmen arbeiten und zum Beispiel am Zollhausweg oder der Grillenstraße oder der Libellenstraße wohnen, sind davon derzeit nicht betroffen, so dass sie reisen und einkaufen dürfen. Es gibt keine Quarantäne für eine Nationalität, sondern für Firmenmitarbeiterinnen und -Arbeiter. Hier muss nochmals seitens des Kreises über eine Lösung des Problems genauer nachgedacht werden.

 

Ich werde in den nächsten Tagen weiter berichten.

 

Zunächst wünsche ich Ihnen eine ruhige und gesunde Nacht, liebe Verlerinnen und Verler…

 

Ihr Michael Esken

 

 

#VerlHältAbstand #VerlBleibtZuHause#coronaverl