Bürgermeister Michael Esken

Mein Rückblick

Die Corona-Pandemie beschäftigt die Welt. Auch bei uns in Verl bestimmt Covid-19 seit Mitte März das öffentliche Leben und damit in vielen Bereichen natürlich auch unseren beruflichen sowie privaten Alltag. Mit meinem Rückblick auf das Tagesgeschehen möchte ich Sie, liebe Verlerinnen und Verler, während dieser Zeit über die wichtigsten Neuigkeiten vor Ort rund um das Thema Corona auf dem Laufenden halten und Ihnen gleichzeitig Einblicke geben, was sich in der Verwaltung inmitten sowie am Rande der Corona-Krise tut.

Montag, 22. Juni 2020, circa 23:50 Uhr


23:50 Uhr

Der seidene Faden wird immer dünner. Wir stemmen uns mit aller Kraft gegen einschneidende Maßnahmen im Kreis Gütersloh. Es bleibt derzeit genau die Situation, wie ich sie bereits in der letzten Woche hier beschrieben habe: Wir haben in Verl die Besonderheit, dass Werklohnarbeiterinnen und -Arbeiter von Tönnies in zum Teil häuslicher Gemeinschaft oder eben Tür an Tür mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern anderer Firmen in sehr beengten Wohnverhältnissen leben. Außerhalb der Werkvertragsarbeiterschaft gilt: Wenn jemand z.B. in einer Familie positiv getestet wird, kommt in der Regel die gesamte Familie unter Quarantäne. Dieses Prinzip muss nach meinem Dafürhalten genauso für auf engstem Raum zusammenlebende Menschen wie Werkvertragspersonen gelten.

 

Komme ich jetzt zu meiner Meldung des Tages: Ich bin erneut begeistert von der Hilfsbereitschaft der Verlerinnen und Verler. Schon gleich nach dem ersten Aufruf der mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gegründeten Gruppe „Helfende Hände für die Sürenheide“ gingen die ersten Spenden ein. In einem Verler Geschäft ist jemand vorstellig geworden und hat einen vierstelligen Betrag auf den Tresen gelegt und gesagt: „Bringen Sie schöne Sachen zu den Kindern in der Quarantäne“. Sachspenden, verschiedene Aktionen und Geldspenden sind eine tolle Geschichte, die zeigt, wir Verlerinnen und Verler zeigen Herz und Mitgefühl mit den Menschen vor Ort und stellen sie in den Mittelpunkt.

 

In einem der zahlreichen Interviews, die ich viel lieber zu einem schöneren Thema gegeben hätte, werde ich gefragt, ob es mir schwergefallen sei, Menschen in die Quarantäne zu bringen. Was für eine Frage? Sie löst bei mir Gänsehaut aus, weil wohl niemand auch nur ansatzweise ohne Grund eine solche Maßnahme anordnen würde. Aber derzeit kennen die Zahlen an positiv getesteten Personen nur eine Richtung, leider nach oben. Wer jetzt nicht handelt, der verliert viel Zeit in der Bekämpfung der Ausbreitung des Virus.

 

Ich führe heute neben den Teilnahmen an Krisenstabssitzungen auch zahlreiche Telefonate, spreche mit dem Bundesgesundheitsminister und einem NRW-Staatssekretär und schildere die besondere Situation in Verl. Mir wird zugehört, ich darf Vorschläge aus der Sicht einer sehr schwer getroffenen Kommune machen. Mein Credo ist: Wir müssen endlich vor die Lage kommen, bevor das Virus uns insgesamt einholt und der Lockdown unvermeidbar wird. Die Zeit läuft uns davon. Wir müssen schlicht und einfach mehr Menschen in der Bekämpfung der Pandemie vor Ort einsetzen. Die Kommunen dürfen nicht allein gelassen werden. Der Ministerpräsident hat Unterstützung versprochen, die müssen wir einfordern.

 

Am Abend gibt es für mich noch einen Einsatz in Bornholte: Dort ist ein Mann positiv getestet worden. Ich fahre direkt dorthin, da meine Kolleginnen und Kollegen im Rathaus und in der Sürenheide gebunden sind. Als ich eintreffe, muss ich die Situation zunächst bewerten. Dort leben circa 40 Personen auf engstem Raum, teilen sich zu größeren Gruppen sanitäre Anlagen und Gemeinschaftsräume und arbeiten bei den unterschiedlichsten Firmen. Das ist die Realität. Die Politik muss sofort und ohne Wenn und Aber der Werkvertragsarbeit ein Ende bereiten!  Natürlich waren diese vielen Personen nicht auf den Listen der Firma Tönnies vermerkt, weil sie eben bei anderen Firmen außerhalb der Fleischbranche arbeiten. Aber alle leben jetzt mit einer positiv getesteten Person unter einem Dach. Ich ordne die Quarantäne an.

 

Nach 14 Stunden Arbeitseinsatz in der Krise schließe ich jetzt für heute diesen Blog, nicht ohne Mut zu machen: Ich bin immer noch in aussichtsreicher Hoffnung. Und diese Hoffnung nehme ich mit in die Nacht, die hoffentlich wieder ruhig und gesund verläuft, liebe Verlerinnen und Verler…

 

Ihr Michael Esken

 

 

#VerlHältAbstand #VerlBleibtZuHause#coronaverl