Stolpersteine zur Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie Hope verlegt


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„Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Worte aus dem Talmud, die sich die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums Verl zu Herzen genommen haben. Auf ihre Initiative hin erinnern jetzt fünf so genannte „Stolpersteine“ an die jüdische Familie Hope, die einst in Verl lebte und Opfer des NS-Terrorregimes wurde.

Im Januar 2011 hatte eine Schülergruppe aus den zehnten Klassen der Hauptschule Verl eine Schule im englischen Loughborough besucht und gemeinsam mit dortigen Schülern an einer Gedenkfeier für die Opfer des Holocaust teilgenommen. Ausgesprochen wurde diese Einladung von Antony Gimpel, einem Nachfahre der einst in Verl lebenden jüdischen Familie Hope, und der Loughborough Grammar School. Die Feier und das Zusammentreffen mit Überlebenden des Holocaust beeindruckten die Schüler so sehr, dass sie beschlossen, an dem Thema weiterzuarbeiten und durch die Verlegung von Stolpersteinen die Erinnerung an die Geschehnisse während des Nationalsozialismus in Verl wach zu halten. Die anderen beiden weiterführenden Schulen waren ebenfalls sehr interessiert, so dass schließlich eine Gemeinschaftsaktion daraus wurde.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Er erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen mehr als 32.000 Stolpersteine in über 700 Orten in Deutschland und mehreren Ländern Europas.

Die fünf Stolpersteine in Verl erinnern an Laura Hope (ermordet in Theresienstadt), Anna Wichelhausen geb. Hope (ermordet in Auschwitz), Auguste Altmann geb. Hope (Flucht in den Tod), Otto Hope (ermordet in Auschwitz) und Dr. Richard Max Hope (verschollen in Minsk). Während der Feierstunde verlasen Schüler aller drei Schulen die Lebensläufe der fünf NS-Opfer, bevor Gunter Demnig einen Stein in das Pflaster vor dem Haus Sender Straße 1 und drei Steine in den Gehweg vor dem Haus Hauptstraße 33 einließ. Der fünfte Stein war zuvor vor dem Altenzentrum St.-Anna-Haus verlegt worden, das zur damaligen Zeit ein Krankenhaus war, in dem Otto Hope vor seiner Deportation längere Zeit behandelt wurde.

Normalerweise sei die Stadt Verl bemüht, ihre Gehwege von Stolperfallen frei zu halten, sagte Bürgermeister Paul Hermreck, doch hier sei eine Ausnahme erlaubt und sogar erwünscht.  „Diese Steine sind symbolhaft und sollen anregen, buchstäblich über die Schicksale der Menschen zu stolpern, die hier vor Ort Opfer des NS-Terrorregimes wurden. Menschen wie du und ich, die sich um ihre Familien und ihr Fortkommen kümmerten und sich am öffentlichen Leben beteiligten. Bis der abrupte Bruch erfolgte: Sie wurden immer mehr ausgegrenzt, bedroht und schließlich in den Tod getrieben.“ Diese fünf Schicksale stünden für unzählige Menschen, die damals entrechtet und entwürdigt, ihrer Existenzgrundlage beraubt und ins Exil getrieben, gefoltert und ermordet wurden. „Doch welches Unrecht, welches Leid Menschen damals zugefügt wurde, das wird uns wohl erst deutlich, wenn wir uns den Einzelschicksalen nähern, die hinter den Millionen Opfern stehen. Wenn wir einen Namen, ein Gesicht, eine konkrete Geschichte vor uns sehen, können wir vielleicht das eigentlich Unfassbare ansatzweise begreifen“, betonte der Bürgermeister. Dazu könnten die Stolpersteine beitragen, „denn sie rufen uns jedesmal, wenn wir hier entlang gehen, die Schicksale von Laura Hope, Anna Wichelhausen, Auguste Altmann, Otto Hope und Dr. Richard Max Hope in Erinnerung“.

Immer mal wieder stehe die Frage im Raum, ob nicht die Zeit gekommen sei, die Vergangenheit ruhen zu lassen, so Hermreck weiter. Ohnehin habe die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und seinen Massenverbrechen schon immer zwischen der Sorge vor dem „Zuwenig“ und dem Lamento über ein „Zuviel“ geschwankt. „Ich meine, ein Zuviel kann und darf es hier nicht geben. Denn es ist unsere Verantwortung, so etwas nie mehr zuzulassen. Und dabei müssen wir uns immer wieder klar machen: Demokratie und Menschenrechte sind nichts Selbstverständliches, auch wenn wir nun schon mehr als 60 Jahre in einer stabilen Demokratie leben“, mahnte der Bürgermeister.

„Erinnern bedeutet etwas zu lernen“, zitierte er den ungarischen Schriftsteller György Konrád, selbst ein Überlebender des Holocaust. Und diese Bodendenkmäler seien Lernanstöße. „Wer stolpert, ist gezwungen, innezuhalten und nachzudenken.“ 

Es sei sehr erfreulich, dass die Initiative zur Verlegung der Stolpersteine von Verler Schülerinnen und Schülern ausgegangen sei. „Denn in Euren Händen liegt die Zukunft. Dass Ihr Euch hier einsetzt, zeigt Eure Bereitschaft, Euch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, Euer Bewusstsein zu schärfen und für den Erhalt von Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und der Achtung der Menschenwürde Verantwortung zu übernehmen“, wandte sich Hermreck direkt an die Jugendlichen.

Sein Dank galt vor allem der inzwischen pensionierten Hauptschullehrerin Regina Bogdanow, die das Projekt von Anfang an federführend betreut hatte. An der Realschule kümmerte sich Christian Simon um die Aktion, am Gymnasium Bernd Schürmann.

Finanziert werden die Stolpersteine über Patenschaften: Für jeweils einen Stein übernahmen die Haupt- und Realschule die Patenschaft, für zwei das Gymnasium. Außerdem beteiligte sich ein Verler Bürger mit einer Patenschaft.

Maria Lindner, Leiterin der Hauptschule Verl, rief Alt und Jung dazu auf, die Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten und gegen das Vergessen zu arbeiten. „Wir dürfen nicht nur sagen, dass so etwas nie mehr passieren darf, sondern wir müssen auch aktiv dazu beitragen“, mahnte sie. So gelte es zum Beispiel, sensibel zu sein, wenn unreflektiert und massenhaft gejubelt werde, aber auch, wenn jemand ausgegrenzt werde.